Sei still. Sieh mich an!

Die Botschaft alter Bäume

Alte Bäume besitzen eine besondere, ursprüngliche Ästhetik. Sie beherrschen den Ort, an dem sie stehen, beeindrucken uns durch ihre Gestalt, ihr Alter und ihre Präsenz. In den Fotografien der Ausstellung werden diese Qualitäten eindringlich sichtbar. Wir sehen Porträts lebendiger Wesen.

Doch diese Porträts wollen mehr als nur gefallen. Sie sind eine Einladung, innezuhalten, genauer hinzusehen und über ihre Wirkung auf uns nachzudenken. Denn die alten Bäume präsentieren nicht nur ihren eigenen Charakter. Sie sind auch Projektionsflächen für unsere eigenen Erfahrungen. Sie stehen für Werden und Vergehen, für Widerstand und für Würde – auch im Verletzten und Vergänglichen. Und sie besitzen etwas, das uns oft fehlt: eine stille Autorität, die Achtung und Ehrfurcht erzeugt. Für Hermann Hesse waren alte Bäume heilig. In seinem Buch „Bäume“ lässt er sie zu uns sprechen:

„Sei still. Sieh mich an!“

Es lohnt sich, dieser Aufforderung zu folgen. Wir erkennen eine Lebensform, die unserer eigenen so grundlegend fremd ist. Bäume sind an ihren Standort gebunden. Sie sind verwurzelt, können nicht ausweichen, nicht fliehen, sondern müssen unter gegebenen Bedingungen bestehen – oft über Jahrhunderte. Sie lassen unter sich nichts wachsen und zwingen so ihre Nachkommen zur Wanderung. Sie streben nur danach, ihre Form zu verwirklichen. Und nach unseren Maßstäben besitzen sie weder Bewusstsein noch Intelligenz.

Wir Menschen verstehen uns gern als ihr Gegenteil: mobil, intelligent, fürsorglich. Wir halten uns für überlegen – stärker als jeder Baum, stärker als jeder Wald. Aber aus unserer Stärke wurde Überheblichkeit. Wir erklärten uns selbst zur Krone der Schöpfung und führen Krieg gegen die Natur. Dabei wissen wir doch längst, dass wir von den Bäumen abhängig sind, nicht umgekehrt. Sie waren vor uns da, und vieles spricht dafür, dass sie uns überdauern werden.

Die Aufforderung „Sei still. Sieh mich an!“ ist kein moralischer Zeigefinger. Sie ist nur die freundliche Einladung, einen alten Baum als Teil unserer Natur, als Teil vom großen Ganzen zu betrachten. Als etwas, dem wir mit Respekt und Aufmerksamkeit begegnen können.

Die Ausstellung ist vom 11. Mai – 12 Juni im Bezirksamt Hamburg-Bergedorf, Wentorfer Straße 38 zu sehen und kann Montags bis Freitags von 7 – 19 Uhr besichtigt werden. Nach Absprache stehe ich gerne für ein Gespräch zur Verfügung (mail@sachsenwaldblog.de).