Genius loci

Forstorte

Eine Fotoausstellung von Harald Lemke

Gedanken zu meiner Ausstellung

Seit vielen Jahren widme ich mich mit großer Leidenschaft der Waldfotografie. Meine Ausstellung Genius loci versteht sich nicht nur als Zwischenbilanz dieser Arbeit, sondern auch als Versuch, der besonderen Faszination des Waldes auf den Grund zu gehen.

Sie gehen durch den Wald und betreten unvermittelt eine Szene, deren Schönheit Sie sofort berührt. Aus einer Mischung von Ehrfurcht und Staunen bleiben Sie stehen, und während Sie schauen, scheint die Zeit stillzustehen. Sie fühlen sich als Teil dieser Szene; die Welt da draußen rückt in weite Ferne. Kennen Sie solche Augenblicke?

Man könnte es beim Genuss des Moments belassen. Da jedoch die meisten meiner Waldfotografien ihren Ursprung in genau solchen Situationen haben, frage ich mich immer wieder: Was löst dieses Gefühl aus, diese plötzliche Inspiration? Ist es der Ort, die Tageszeit, das Licht, die Umstände – oder meine eigene Grundstimmung? Vielleicht ein Zusammenspiel von allem? Oder gibt es ihn doch, den berühmten Genius loci, den Geist des Ortes, der uns leise zuflüstert: „Halte ein. Schau hin.“?

Diese Frage hatte ich im Sinn, als ich die Bilder für meine Ausstellung Genius loci zusammenstellte. Daher zeige ich hier nicht nur einige meiner Fotografien, sondern lade Sie auch zu einem Spaziergang durch meine Gedanken ein. Nicht jeden Gedankengang habe ich bis zum Ende verfolgt – was ich jedoch nicht als Mangel betrachte, denn unser Wissen ist seiner Natur nach fragmentarisch. Und so bleibt mir noch genügend Stoff für viele zukünftige Stunden im Wald.

Im Hier und Jetzt

Wir können uns der Vergangenheit erinnern und aus ihr lernen. Wir können die Zukunft entwerfen und planen. Doch das eigentliche Leben, das wirkliche Erleben, vollzieht sich allein in der Gegenwart. Die Hinwendung zum Augenblick hilft uns, auch schwierige Situationen bewusster anzunehmen und zu bewältigen. Unsere Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt lässt sich schulen. In der Stille des Waldes können wir erfahren, wie Vergangenheit und Zukunft im gegenwärtigen Moment zusammenfinden.

Ich bin ein rastloser Mensch und brauche Rituale, um zur Ruhe zu finden. Der Wald vor meiner Haustür schenkt mir diese Möglichkeit. Die Fotografie zwingt mich zur Reflexion und bündelt meine Aufmerksamkeit auf Ort und Augenblick. So erlebe ich Momente der Kontemplation, in denen ich ganz bei mir bin – und bei der Natur. Ich kann das große Ganze im Kleinen erkennen und mich darin selbst verorten.

Wer könnte solche Augenblicke treffender als Goethe beschreiben:

Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen!
Das Ew’ge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig: denn Gesetze
Bewahren die lebend’gen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.

Genieße mäßig Füll und Segen,
Vernunft sei überall zugegen,
Wo Leben sich des Lebens freut.
Dann ist Vergangenheit beständig,
Das Künftige voraus lebendig,
Der Augenblick ist Ewigkeit.

Johann Wolfgang von Goethe, Vermächtnis

Das Schöne im Wald

Schönheit ist kein Luxus. Wir können auf sie nicht verzichten, denn ein Leben ohne Schönheit wäre trist und trostlos. Wer nach wahrer Schönheit sucht und sich mit ihr umgibt, erfüllt ein elementares Grundbedürfnis. Im Wald werden wir fündig.

Ein intakter Wald ist schön. Seine Strukturen sind schlicht und stimmig. Das harmonische Farbspiel, die gedämpfte Geräuschkulisse und die vielfältigen Aromen der Waldluft lassen uns zur Ruhe kommen und öffnen uns für sinnliches Erleben. Wir empfinden Erhabenheit, weil wir das Wesen der Natur erahnen: ihr unermüdliches Bestreben, sich in unüberschaubarer Vielfalt zu entfalten. Je nach persönlicher Disposition fühlen wir Freude, Staunen – mitunter auch Furcht. Wir fühlen uns inspiriert, ja beinahe gedrängt, unsere Empfindungen auszudrücken: in Bild, Plastik oder Prosa.

Diese Schönheit des Waldes ist universell, weil sie kein Blendwerk ist und keinen Zweck verfolgt. Wir können den Wald um seiner selbst willen schön finden. Unser Glücksgefühl beim Erfahren dieser Schönheit darf ungetrübt sein, weil sie zu niemandes Lasten geht.

Wege durch den Wald

Wir erleben die Schönheit des Waldes auf seinen Wegen. Unabhängig davon, ob es auf einem Waldweg, einer Forstschneise oder pfadlos voran geht, ob wir mit oder ohne Ziel unterwegs sind: Der Weg führt uns durch den chaotischen Raum des Waldes, schenkt uns einen Ort, der mit uns geht und fokussiert unseren Blick auf das, was vor uns liegt.

Manchmal glauben wir, dass der Wald abseits der Wege schöner und wilder sei. Aber die meisten weglosen Exkursionen enttäuschen uns, und irgendwann stellen wir fest, dass der Wald am Wegesrand am reizvollsten ist. Das ist kein Wunder: Die meisten Wälder in Deutschland sind bewirtschaftete Forste, in denen nur allzuoft Monotonie herrscht. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich die monokulturelle Forstwirtschaft ändert. Das ist jedoch ein Prozess, der noch viele Jahrzehnte dauern wird, bevor wir die Ergebnisse in Form eines abwechslungsreichen Waldes sehen können.

Die Wegesränder bilden eine Ausnahme, sie dienen nicht dem Holzeinschlag. Hier finden wir häufig die ältesten Bäume des Waldes, die nicht als kerzengerade und astlose Schäfte in den Himmel ragen, sondern sich noch frei mit voller Krone entfalten dürfen.

Der Weg vermittelt uns übrigens auch eine allgemeingültige metaphysische Einsicht: Der Weg, auf den wir zurückblicken, ist ein anderer als der, den wir vor uns sehen.

Wo Wald auf Wasser trifft

Über die Jahre habe ich festgestellt, dass die meisten meiner Waldfotografien am Wasser entstanden sind. Das war zwar kein Plan, ist aber auch kein Zufall: Wasser bringt nicht nur Leben, sondern auch Abwechslung und Struktur in den Wald.

Dort, wo der Wald auf das Wasser trifft, entstehen Orte von eindringlicher Schönheit. Bäche, Weiher und Teiche bilden natürliche Schneisen, in denen Licht in das Dunkel des Waldes fällt und reizvolle Kontraste im Uferbereich zeichnet.

Die ganz besondere Atmosphäre solcher Orte laden zum Verweilen und zur Kontemplation ein. Ich lasse diese Szenen lange auf mich wirken, bevor ich in aller Ruhe mein Bild komponiere und das Stativ platziere. Fotografie ist hier fast wie Landschaftsmalerei.

Der Wald in uns

Wer verstehen will, wie der Wald auf uns wirkt, sollte bei der nächsten Wanderung nicht nur auf den Wald achten, sondern auch auf das eigene Fühlen und Denken. Darauf, wie die sinnliche Wahrnehmung unsere Stimmung prägt - und wie umgekehrt unsere Stimmung bestimmt, was und wie wir wahrnehmen. Aus diesem Wechselspiel entsteht nach und nach ein Verständnis von Formen, Strukturen, Räumen und Orten.

Bei der Begegnung mit der Natur beginnt zugleich die Reflexion des Erlebten. Wir gleichen den Wald da draußen mit dem Wald in uns ab – mit unseren Erfahrungen, inneren Bildern und Wertvorstellungen – und bewerten das Erlebnis. Dann empfinden wir Schönheit und Erhabenheit, manchmal aber auch Enttäuschung, Ärger, Unsicherheit oder Furcht. All das geschieht zugleich, überlagert sich, kehrt wieder und bleibt in Bewegung.

Wenn wir Wahrnehmung, Gefühl, Erkenntnis, Erfahrung und Werturteil bewusst auseinanderhalten und ordnen, wird deutlich, dass der Wald in uns selbst einen wesentlichen Anteil an unserem Naturerleben hat.

Erhabenheit im Wald erfahren

Die meisten Fotografien meiner Ausstellung entspringen einem Gefühl von Erhabenheit. Doch darf ein aufgeklärter Mensch heute überhaupt noch Erhabenheit empfinden? Ist dieses Gefühl nicht ein Relikt vergangener Zeiten, in denen wir wenig wussten und umso mehr glauben mussten?

Ich meine: Erhabenheit hat weder mit Unwissenheit noch mit blindem Glauben zu tun. Sie ist eine besondere Qualität unserer Begegnung mit der Natur; sie erfüllt uns mit Ehrgefühl und Achtung. Beides ist uns in der hemmungslosen Ausbeutung der Welt weitgehend abhandengekommen. Die Menschheit hat sich über die Natur erhoben – und bekommt nun die Rechnung präsentiert. Es ist höchste Zeit, dass wir uns mit der Natur aussöhnen. Wir müssen wieder zulassen, dass sie uns berührt, damit wir Erhabenheit überhaupt noch erleben können.

Der Philosoph Jean-François Lyotard hat sinngemäß gesagt: Wer Erhabenheit erfährt, steht in der Schuld, dieses Erlebnis darzustellen. Mit den Waldfotografien meiner Ausstellung „Genius loci – Forstorte“ versuche ich, dieser Schuld nachzukommen.

Der Ort als Quelle unserer Inspiration

Ich empfinde den Wald als großen chaotischen Raum. In diesem Chaos entdecke ich Orte, dir ich mit meinen Sinnen wahrnehmen und mit meinem Verstand strukturieren und begreifen kann. Solche Orte fotografiere ich. Sie existieren nur in genau dem Augenblick, wenn meine Wahrnehmung sie vom umgebenden Raum scheidet. Ich frage mich immer wieder, ob ich diesen Ort als Außenstehender beobachte, oder ob ich als Anwesender bereits ein Teil des Ortes bin.

Auf der Suche nach einer Antwort bin ich in der Philosophie fündig geworden. Dort hat der Ort eine zentrale Bedeutung für unsere Welterfahrung: all unsere Erfahrungen entspringen einem Ort. Der Philosoph Martin Heidegger schrieb zum Ort:

„Ursprünglich bedeutet der Name „Ort“ die Spitze des Speers. In ihr läuft alles zusammen. Der Ort versammelt zu sich ins Höchste und Äußerste. Das Versammelnde durchdringt und durchwest alles. Der Ort, das Versammelnde, holt zu sich ein, verwahrt das Eingeholte, aber nicht wie eine abschließende Kapsel, sondern so, daß er das Versammelte durchscheint und durchläutet und dadurch erst in sein Wesen entläßt.“

Heidegger beschreibt den Ort nicht als bloße Lokation, sondern als das Zusammenkommen von allem, was anwesend ist. In meinen Bildern versammeln sich Boden, Wasser, Bäume, Licht und Wetter zur Szene, in die ich als Fotograf trete.

Und im Sinne Heideggers gehört dann auch der Fotograf selbst zum Ort: sein Dasein, seine Stimmung, sein Blick, seine Bildentscheidung. Ohne ihn als Zeugen – und ohne die Fotografie als Zeugnis – gäbe es diesen Ort nicht.

So wird der Fotograf selbst ein Teil seines Bildes.

Der Wald tut not

Die klimatischen Veränderungen setzen unsere Wälder zunehmend unter Druck. Die über Jahrhunderte gewachsene Lebensgemeinschaft des Waldes ist durch Extremwetterereignisse wie Starkregen, Orkane, Hitze und lange Dürreperioden gefährdet. Das Thema ist längst in den politischen Fokus gerückt - was erfahrungsgemäß nicht immer zu sachgerechten Lösungen führt. Im gegenwärtigen Diskurs dominieren häufig Schlagworte und scheinbare Gegensätze: Nutzwald oder Schutzwald? Holzgewinnung, Artenschutz oder Klimaschutz?

Was dabei oft aus dem Blick gerät, ist die emotionale Bedeutung des Waldes für uns Menschen: als Raum ursprünglicher Naturerfahrung. Wenn wir ihn betreten, umgibt er uns, nimmt uns auf und spricht all unsere Sinne an. Er ermöglicht innere Einkehr und kleine Weltfluchten – Momente der Erholung von den vielfältigen Zumutungen unserer Zeit. Zugleich stärkt er unsere innere Widerstandskraft: eine Kraft, die wir dringend brauchen, denn Anlässe zu Widerspruch und Haltung gibt es mehr als genug.

Gerade deshalb müssen wir beim notwendigen Umbau unserer Wälder darauf achten, dass die Möglichkeit unmittelbarer Naturerfahrung erhalten bleibt. Andernfalls droht uns anstelle lebendiger Natur nur noch eine parkähnlich gestaltete Kulisse – mit gut gemeinter Besucherlenkung auf eingezäunten Wegen.

Kein wilder Wald in diesem Land?

Deutschland ist ein Kulturland. Kein Quadratmeter in Deutschland, der nicht des Menschen Handschrift trägt, wir sind perfekte Kontrollfreaks. Die meisten unserer Wälder betrachten wir je nach Blickwinkel als verfügbare Ressource für Holz, Wild oder CO2-Speicher. Selbst dort, wo der Wald wild wachsen soll, schaffen wir zunächst ein undurchdringliches Kongloremat aus Richtlinien, Gesetzen, Verordnungen, Urteilen, Schildern und Zäunen.

Vor diesem Hintergrund ist die Frage berechtigt, ob wir in unseren Wäldern noch Natur erleben können. Ich finde, ja. Zunächst einmal muss zur Ehrenrettung unserer Förster gesagt werden, dass sie beim Waldbau die Grundregeln der Natur berücksichtigen. Was sie heute pflanzen, wird in 100 – 120 Jahren von ihren Urenkeln geerntet. Das sind recht lange Zeiträume, in denen die Natur im Kleinen zeigen kann, wie sie sich entfaltet, wenn man sie nur lange genug allein lässt. Außerdem lernen wir Menschen auch und achtren vermehrt darauf, dass unsere Wälder Areale enthalten, in denen eine natürliche Artenvielfalt entstehen und erhalten werden kann.

Wer also mit offenen Sinnen durch unsere Wälder streift, wird die Natur auch finden. Wie sie sich mit all ihrer Macht entfaltet und uns eindrucksvoll vor Augen führt, dass wir sie nur bändigen, nie aber zähmen können. Wir dürfen sicher sein, wenn es uns nicht mehr gibt, wird sie das Land wieder übernehmen. Diese Erkenntnis allein ist vielleicht das eindrücklichste Naturerlebnis.

Die Ausstellung

Die hier gezeigten Bilder gehen als Ausstellung auf die Reise. Die erste Station ist die Otto-von-Bismarck-Stiftung im Herzen des Sachsenwaldes, wo die meisten Fotografien entstanden sind. Dort sind sie vom 20.Juni – 3.August 2026 zu sehen.

Genius loci

Die Forstorte des Sachsenwaldes

21. Juni – 19. Juli 2026

Vernissage 21. Juni 2026

im Historischen Bahnhof der
Otto-von-Bismarck-Stiftung